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Geschichte

Schloss Erbach ist eine begehbare Wunderkammer. Es ist ein Ort, an dem Besuchende in den glücklichen und aufregenden Umstand eintreten, die Fülle kaum erfassen zu können. Um nur die Spitzen der Schätze zu nennen: Antike Marmorbildwerke und Vasen, Rüstungen in einem eigens gebauten Rittersaal, Waffen, Geweihe, herausragende niederländische Gemälde, ein farbenprächtiger spätgotischer Altar, Münzen, und – in einem Schlossflügel als „Deutsches Elfenbeinmuseum“ vereint – Schönheiten der Schnitzkunst aus „weißem Gold“.

Audienzzimmer des Grafen Franz I. zu Erbach-Erbach

Blick in das Audienzzimmer des Grafen Franz I. zu Erbach-Erbach mit einer Statue und zehn Büsten.

Foto: Michael Leukel, 2018

In dem Museumsschloss ist nicht nur jedes einzelne Objekt im jeweiligen Sammlungsbereich von großem kulturhistorischen Wert. Das ganze, über die Zeiten kaum veränderte Ensemble ist zugleich als eigenes Kunstwerk zu betrachten, wie es nur wenig Vergleichbares gibt. Dass so viel unter einem Dach zusammenkam, liegt nicht nur, doch zum größten Teil an einem besonderen Vertreter des Erbacher Grafengeschlechts: Franz I. (1754-1823). Bevor er 1775 in der Epoche der Aufklärung eine wohltätige Regentschaft antrat, hatte er sich als junger Mann im Ausland mit Studien und sechs Jahre währenden Reisen gebildet. Er hegte eine große Neigung zu Altertümern und pflegte sie im Kontakt mit den Größen seiner Zeit. In der Folge sammelte Franz I. zu Erbach-Erbach eine unglaubliche Anzahl von Objekten – und besuchte dafür noch ein zweites Mal das Sehnsuchtsland Italien. Anschließend, mit dem Sinn eines forschenden Pioniers ging der Graf an die gewissenhafte Bewahrung dieser Altertümer heran.

Akribisch sichtete er, nahm auf, zeichnete, bestimmte, verglich und ordnete ein. Mit dieser Triebkraft sollte er sich auch um die Überreste der römischen Militärarchitektur am Odenwald-Limes kümmern. Wer einen Rundgang in dem über 800 Jahre gewachsenen Schloss unternimmt, durchstreift drei authentisch erhaltene Räume. Er nannte sie „meine Wohnzimmer“ und beherbergte dort die größte private Antiken-Sammlung, die sich bis heute diesseits der Alpen erhalten hat: Es geht vorbei an Büsten und Statuen römischer Herrscher und darinnen liegt ein „Etruskisches Kabinett“, das einen Querschnitt damals bekannter antiker Vasenkeramik bietet. Auch Beschreibungen dieser Kostbarkeiten hinterließ Franz I. in illuminierten Prachtkatalogen, aus denen seine Ideenwelt deutlich hervortritt. Das Vergnügen des Grafen war aber nicht nur eigennützig, sondern stand im Einklang mit öffentlicher Kunst- und Wirtschaftsförderung.

Durch seine Liebhaberei für das Drechseln von Elfenbein stiftete er sogar einen florierenden Handwerkszweig und sorgte dafür, dass sich der Odenwald mit Europa vernetzte. Im ehrenden Andenken an ihn zeigt das 2016 im Erbacher Schloss neu eröffnete Deutsche Elfenbeinmuseum in modern gestalteten Vitrinen Werke aus drei Jahrhunderten. Angegliedert ist die Museumswerkstatt. Im Einklang mit dem Artenschutz werden heute nur alternative Materialien wie Taguanuss, Bein (Rinderknochen) und fossiles Mammut-Elfenbein zu Schmuckunikaten und Kunstwerken verarbeitet.