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Kloster Lorsch war erste hessische Stätte im weltweiten Kulturerbe der Menschheit

Vor 30 Jahren nahmen Kloster Lorsch und das angrenzende Altenmünster als erste hessische Stätte ihren Platz auf der Liste des wertvollsten Kulturerbes der Menschheit ein. Seit 1991 wird die im frühen Mittelalter begonnene Geschichte der einst berühmten karolingischen Reichsabtei unablässig wissenschaftlich erforscht und die Ergebnisse in vielfältigen Weisen an das Publikum vermittelt. Das Jubiläum gibt Anlass für ein mehrmonatiges Programm mit Rückblicken und Ausblicken und zum Zweck des UNESCO Welterbes. Höhepunkt ist eine Ausstellung mit spektakulären, noch nie öffentlich präsentierten Funden.

Kunstministerin Dorn: Welterbe-Titel gibt einen besonderen Auftrag

Nach den Worten der Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn stellt die Klosteranlage in der Obhut der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (SG) eine vorbildlich enge Verbindung zwischen Wissenschaft und museumspädagogischen Angeboten her. Lorsch ist eines von inzwischen sieben hessischen Welterbestätten: „Der Titel Welterbe adelt alle diese Orte und ist zugleich ein besonderer Auftrag, sie lebendig zu halten, indem wir sie als Teil unserer heutigen Welt verstehen. Kloster Lorsch zeigt dies beispielhaft: Dort forscht ein engagiertes Team und leistet mit immer neuen Kenntnissen hervorragende Vermittlungsarbeit.“

Blick auf die sogenannte Königshalle und das Kirchenfragment auf dem grünen Hügel von Kloster Lorsch

Blick auf die karolingische Königshalle mit der Kirchenruine im Hintergrund.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Hanns Joosten

Neue Ausstellung: "Geschichte schöpfen - Quellen aus einem Brunnen"

Diesen Anspruch soll auch eine Ausstellung erfüllen, die Dr. Katarina Papajanni, Baudenkmalpflegerin bei der SG, kuratierte: „Geschichte schöpfen – Quellen aus einem Brunnen“ wird am 6. Oktober 2021 in der Lorscher Zehntscheune eröffnet und nach einer Winterpause bis 30. Oktober 2022 gezeigt. Erstmals bekommen Besucher:innen qualitätsvolle Fragmente von Architektur und Skulpturen zu Gesicht, die Papajanni vor Jahren in einem Brunnen auf dem Klosterhügel in Lorsch entdeckte.

Der Brunnen und die Grabungsfunde sind seither mit 3D-Scans dokumentiert und mit unterschiedlichen Methoden der Geistes- und Naturwissenschaften untersucht worden. Jetzt ist es möglich, die sogenannten Spolien aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen einzuordnen und für Interessierte – auch ohne Vorkenntnisse – analog und digital zu präsentieren. Thematisiert wird auch der Brunnen selbst mit den teils herausgelösten, teils noch verbliebenen Werkstücken in seinem 10 Meter tiefen Schacht. Er gab die Idee für eine aufwändige Gestaltung der Frankfurter Agentur „Exposition“.

Die Ruine der Kirche zählt zum ältesten Baubestand der Welterbestätte Kloster Lorsch

Das Kirchenfragment zählt zum ältesten Baubestand der Welterbestätte Kloster Lorsch.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Hanns Joosten

Neues Licht auf die Geschichte des Klosters

Unter den großen Bruchstücken, die ehemals zur Ausstattung der nur noch als Ruine erhaltenen Klosterkirche gehörten, befindet sich der aussagekräftige Rest einer gotischen Skulptur: ein „Atzmann“. An diesem Lesepult in Gestalt eines Diakons, der für die kirchliche Liturgie bestimmt war, haften sogar noch Spuren der ursprünglichen Farbfassung. Das Großfragment ermöglicht Vergleiche zu anderen Exemplaren in den weltbekannten Domen von Naumburg und Straßburg.

„Die Entdeckung aller Werkstücke wirft ein ganz neues Licht auf die Geschichte des Klosters“, sagt Kirsten Worms, Direktorin der SG. „Eine Blütezeit, unbestreitbar für die karolingische Epoche, ist nun auch für spätere Jahrhunderte am Ort greifbar. Uns erscheint sogar eine Neuverortung des Klosters in die Kunst und Architektur des Hoch- und Spätmittelalters möglich.“


Festakt und Podiumsgespräch als Live Stream

Für das Welterbejubiläum sind mehrere Publikumsvorträge vorgesehen, unter anderem zur Ausstellung (10. November, 2. Dezember). Im Zentrum stehen drei, die über die Zeit vor und nach der Ernennung Kloster Lorschs durch die UNESCO Kommission 1991 Auskunft geben (21. September, 21. Oktober und 18. November 2021). Diese Rückschau zur Entwicklung der Stätte über die Jahrzehnte nimmt ein Festakt mit Beteiligung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst am 13. Dezember 2021 wieder auf und überführt sie in Überlegungen für die weitere Zukunft: Der Leiter der Welterbestätte, Dr. Hermann Schefers, diskutiert mit einer Expert:innenrunde unter dem Titel „Kulturpolitischer Luxus oder innovative Bildungsoffensive? Resümee und Ausblick nach 30 Jahren Welterbe Kloster Lorsch“. Der Festakt und das Podiumsgespräch werden live gestreamt.

Nach Ansicht von Dr. Schefers hat sich die Wahrnehmung des „Labels“ Welterbe für Lorsch, mit dem anfangs kaum jemand etwas anzufangen wusste, völlig verändert. Ein Grund dafür seien die vielfältigen Vermittlungsinitiativen in Lorsch. Es zeige sich sogar, dass Welterbestätten aufgrund ihrer exemplarischen Bedeutung bei den Gästen als außerschulische Lernorte anerkannt seien.

Abendstimmung auf dem Gelände von Kloster Lorsch

Abendstimmung auf dem Gelände von Kloster Lorsch.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Hanns Joosten

„Sie sind nicht allein Denkmäler, sondern werden als Institutionen aufgefasst, die, wie Museen, einen eigenen Bildungsauftrag haben“, so Schefers. „Die von Lorsch ausgehende Initiative einer »World Heritage Education« will dazu theoretische und praktische Impulse liefern. Sie arbeitet mit einem erhaltenen Denkmalbestand ebenso wie mit dem dahinterstehenden »Geist«, über den Welt-Kultur überhaupt erst als solche verständlich wird.“