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Konferenz über Zugtiere - Chancen für nachhaltiges Leben

Das Experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham im UNESCO Weltererbe Kloster Lorsch hat am vergangenen Wochenende (8./9.Mai 2021) eine erste große internationale Tagung über Zugtiere in aller Welt veranstaltet. Expertinnen und Experten tauschten sich über den Einsatz von Tieren wie Rindern, Ochsen, Pferden, Eseln, Maultieren, Ziegen und Hunden in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus. Mehr als 420 Teilnehmende aus 30 Ländern folgten der digitalen Konferenz. Ziel war unter anderem, der Wissenschaft und Menschen mit ihrer Expertise zu den geschichtlichen Wurzeln, in der Haltung und Beschäftigung von Zugtieren eine gemeinsame Plattform zu geben sowie bestehende Netzwerke zu stärken.

Der Organisator, Claus Kropp, Leiter von Lauresham, fasste am Mittwoch, 12. Mai, die vielfältigen Impulse zusammen. Zugtiere hätten über Jahrtausende eine Schlüsselrolle für das Überleben von Menschen gespielt, vor allem in der Landwirtschaft. Sie seien Teil der Kulturgeschichte und stellten auch heute noch den Lebensunterhalt von Millionen Menschen sicher. Der Einsatz der Tiere würde häufig als rückständig bewertet, von der Politik unterbunden und habe auch im allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstsein einen unterschätzten Stellenwert. Doch ihre Verwendung etwa in den Bereichen Transportwesen, Land- und Forstwirtschaft stehe im Einklang mit einer für die Zukunft geforderten umweltfreundlichen, klimaschützenden und nachhaltigen Wirtschaft.

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Screenshot der Konferenz © Staatliche Schlösser und Gärten Hessen

Zugtiere haben viele Einsatzformen

Arbeitstiere kommen gegenwärtig vor allem in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch in städtischen Lebensformen und im Tourismus zum Einsatz und sie sind Gegenstand der Forschung. Zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen tragen gleichfalls die sogenannten Living History Farms bei oder Freilichtmuseen, zu denen auch Lauresham zählt. Zugtiere unterstützen bei der Bodenbearbeitung wie Pflügen und Jäten, beim Säen, Pflanzen und Ernten, bei Lastenbeförderungen, bei Baumfällarbeiten, beim Betrieb von Mühlen oder als Schlepper von Wagen aller Art.

Das große Spektrum der Konferenzthemen in fünf Sektionen reichte von der wissenschaftlichen Auswertung zooarchäologischer Befunde aus den Jahrtausenden vor Christi Geburt, über die weltweite existentielle Bedeutung von Zugtieren für kleine Farmen oder kleinbäuerliche Betriebe und die praktische Arbeit mit einzelnen Zugtiergattungen bis hin zu Plädoyers, auch zukünftig auf ihre Arbeitskraft zum Besten von kleineren wirtschaftlichen Einheiten zu setzen.

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Bertha Mudamburi von der Universität in Namibia sprach über die Chancen für kleine landwirtschaftliche Betriebe in afrikanischen Ländern © Staatliche Schlösser und Gärten Hessen


Im Einklang mit Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen

Das große Spektrum der Konferenzthemen in fünf Sektionen reichte von der wissenschaftlichen Auswertung zooarchäologischer Befunde aus den Jahrtausenden vor Christi Geburt, über die weltweite existentielle Bedeutung von Zugtieren für kleine Farmen oder kleinbäuerliche Betriebe und die praktische Arbeit mit einzelnen Zugtiergattungen bis hin zu Plädoyers, auch zukünftig auf ihre Arbeitskraft zum Besten von kleineren wirtschaftlichen Einheiten zu setzen.

Mehrere Beiträge, berichtete Kropp, setzten den Wert von Zugtieren in Bezug zu gleich mehreren der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals), die alle UN-Mitgliedstaaten bis 2030 verwirklichen wollen. Darunter firmiert die Absicht, die Landökosysteme zu schützen, wiederherzustellen und ihre nachhaltige Nutzung zu fördern; Wälder nachhaltig zu bewirtschaften, Wüstenbildung zu bekämpfen, Bodendegradation zu beenden und umzukehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende zu setzen. In einem Beitrag aus Kenia wurde dargelegt, dass die Einführung von Zugeseln in vielen afrikanischen Ländern beispielsweise zu einer deutlichen Verbesserung der Situation von Frauen beitrug, bis hin zu einer signifikanten Emanzipierung.

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Ochsen kommen in vielen Bundesstaaten der USA noch immer in der Landwirtschaft zum Einsatz © Staatliche Schlösser und Gärten Hessen

Lauresham-Leiter Kropp: Freilichtmuseen als "Leuchttürme" für Zukunftsthemen

Die Konferenz konnte mit ihrem internationalen Fokus auch die zahlreichen Bemühungen von NGOs (Nichtregierungsorganisationen), Firmen, Vereinen und Einzelpersonen vorstellen, welche sich um die Verbesserung von Anspannungsformen und landwirtschaftlichen Geräten aber auch um das Wohl der Zugtiere bemühen. Es bleibt nach den Worten von Kropp zu hoffen, dass die Tagung zu einer Konzentration und Bündelung dieser Bemühungen beitragen konnte und dass Zugtieren in Zukunft wieder die Bedeutung beigemessen wird, welche sie in tausenden Jahren der Menschheitsgeschichte bereits innehatten.

Musealen Einrichtungen wie Lauresham, wo Zugtiere gehalten und ausgebildet werden, komme dabei aufgrund großer Öffentlichkeitswirksamkeit eine besondere Bedeutung zu. Sie seien in diesem Sinne „Leuchttürme”. Kropp: „Aus einer historischen Perspektive können die Museen relevante Themenkomplexe wie Nachhaltigkeit oder lokale Wertschöpfungsketten mit großer Wirksamkeit in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs transferieren. Die Zugtiere in den Museen können dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu »Zugpferden« eines neuen gesellschaftlichen Diskurses werden.”

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Die Konferenz "Draft Animals in the Past, Present and Future" war die erste große internationale Tagung zum Thema Zugtiere © Staatliche Schlösser und Gärten Hessen / Claus Kropp