Schloss Erbach startet Jubiläumsjahr – Zum 200. Todestag Graf Franz I. setzt die Hessische Schlösserverwaltung das Gesamtkunstwerk in Szene

Seit dem 8. März darf im Schloss Erbach wieder von der Antike geträumt werden: Die gleichnamige Dauerausstellung widmet sich der Entstehung der Sammlung klassischer Altertümer durch Graf Franz I. von Erbach-Erbach (1754-1823). Seiner Sammelleidenschaft entsprang die größte private Antikensammlung, die sich bis heute nördlich der Alpen erhalten hat. Nach einjähriger Pause wird die Schau nun auf größerer Fläche präsentiert und trägt daher den Titel „Antikentraum in Erbach 2.0“. 

Mit diesem Auftakt startet Schloss Erbach in ein in mancherlei Hinsicht besonderes Jahr: Seit dem 1. Januar liegt der Betrieb der Gräflichen Sammlungen und des Deutschen Elfenbeinmuseums vollumfänglich in den Händen der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (SG). Zugleich jährte sich am 8. März der 200. Todestag des für Erbach und den Odenwald so bedeutenden Regenten.

„Ich freue mich sehr, dass wir gleich zu Beginn unserer Betriebsübernahme mit dem Jubiläumsjahr einen höchst passenden Anlass haben, Schloss Erbach als einzigartiges Kulturdenkmal zu präsentieren und weiter in den Fokus der überregionalen Öffentlichkeit zu rücken. Graf Franz I. war eine europäisch vernetzte Leitfigur und hat als vielseitig interessierte Persönlichkeit sein Schloss in eine begehbare Wunderkammer verwandelt. Sein Erbe und ideelles Vermächtnis möchten wir umfassend würdigen und vermitteln."

Kirsten Worms, Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen
Eroeffnung der Ausstellung Antikentraum SG Foto Susanne Kiraly

SG-Direktorin Kirsten Worms spricht zur Eröffnung der Ausstellung  "Antikentraum in Erbach 2.0". ©SG, Foto: Susanne Király

Portraet des jungen Graf Franz I SG Foto Michael Bender

Porträt des jungen Graf Franz I. ©SG, Foto: Michael Bender

Prachtkatalog Graf Franz I SG Foto Susanne Kiraly

Einer der Prachtkataloge Graf Franz I. ©SG, Foto: Susanne Király

Aufgeklärter Fürst ... 

Als der 20-jährige Franz im Juli 1775 die Regierung in Erbach antrat und damit die in tiefroten Zahlen stehende Staatskasse übernahm, startete er sofort ein umfangreiches Sanierungsprogramm: Seine Reformen orientierten sich an den Prinzipien der Sparsamkeit und Nützlichkeit; sie galten der Förderung der Landwirtschaft und des Bauwesens, der Verbesserung der Infrastruktur und des Schulwesens sowie der Einführung neuer Handwerkszweige, wie der Elfenbeinschnitzerei, für die Erbach bis heute berühmt ist. Eine eigenen Spar- und Leihkasse ermöglichte der Landbevölkerung zinsgünstige Kredite, ein abgabenfreier Markt brachte den Handel in Schwung.

... und passionierter Sammler

Die aufblühende Wirtschaft erlaubte Franz I. seiner Passion des Sammelns nachzugehen. Er erwarb Rüstungen, Waffen, Geweihe, Gemälde, Münzen und Kunsthandwerk. Sein Hauptinteresse galt jedoch den Antiken. Er sei bereits „mit der Neigung zu Alterthümern geboren“ hatte Franz während seiner Grand Tour – der Bildungsreise für junge Männer adligen Standes – an seine Mutter geschrieben. Das Reisen nach Italien und der Besuch der antiken Stätten, vor allem in der Gegend zwischen Rom und Neapel, boomte im 18. Jahrhundert. Franz‘ Bildungsweg und seine Begeisterung für die Antike war in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Jedoch betrieb er seine Leidenschaft – wie aus dem obigen Zitat deutlich wird – nicht der Mode wegen. Die Beschäftigung mit Altertümern war integraler Bestandteil seines Lebens und  Ausdruck der vielfältigen Interessen seines regen Geistes.

„Wie Graf Franz den Traum einer eignen Antikensammlung im Erbacher Schloss verfolgte und welche Personen auf dem Weg zur Umsetzung einen Beitrag leisteten, thematisiert die Kabinettausstellung. Die handgeschriebenen Kataloge und weitere Archivalien liefern uns bis heute eine unschätzbare Quelle für das Verständnis der Sammlerpersönlichkeit und seiner Sammlungsstrategien.“

Dr. Anja Kalinowski, Kuratorin "Antikentraum in Erbach 2.0" und Leiterin der Gräflichen Sammlungen

Römische Wohnzimmer

Seine zweite Italienreise im Jahr 1791 ermöglichte schließlich den Ankauf eines Hauptteils der Erbacher Antiken, mit denen der Graf drei Räumen in der Beletage seins Schlosses einrichtete. „Meine Wohnzimmer“ nannte er sie. Hierhin führte er auch Besucher, aber vor allem arbeitete und wohnte er in seinen Römischen Zimmern. Sogar von seinem Bett aus hatte er die Vasensammlung im Blick, betrachtete in schlaflosen Momenten die dargestellten Mythen und freute sich „so manchen Helden sein fabelhaftes Abentheuer bestehen zu sehen, so manche baccische Orgie im Urbilde zu bewundern“, wie er notierte. Doch gab sich Franz nicht mit dem Besitz der Sammlung zufrieden, er erforschte und erfasste sie akribisch nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten in umfangreichen Katalogen, die bis heute erhalten sind und bedeutende Forschungserkenntnisse ermöglichen.

Schloss Erbach erstes roemisches Zimmer

Schloss Erbach, erstes römisches Zimmer. ©SG, Foto: Michael Leukel

©SG, Foto Michael Leukel

Zweites Römisches Zimmer

Schloss Erbach, zweites römisches Zimmer. ©SG, Foto: Michael Leukel

©SG, Foto: Michael Leukel

Erbach, Schlafzimmer

Schloss Erbach, Schlafzimmer Graf Franz I. ©SG, Foto: Michael Leukel

Tagung "Schloss Erbach als Kosmos - Sammeln als fürstliche Passion"

Mit den Gräflichen Sammlungen und seiner wissenschaftlichen Arbeit schuf Graf Franz I. wiederum ein eigenes Kunstwerk, das als „Sachgesamtheit aus Gebäuden und den darin befindlichen Sammlungen, Gemälden, Archivalien, insbesondere Kataloge und Bestandsarchive“ das Prädikat „national wertvolles Kulturgut der Bundesrepublik Deutschland“ erhielt. Diese einzigartige Symbiose von Kulturschätzen und authentischen Raumschöpfungen, untrennbar verbunden mit der herausragenden Persönlichkeit des Fürsten nimmt eine interdisziplinäre Fachtagung der SG in Kooperation mit der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (Abteilung Kunstgeschichte), dem Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur e.V. sowie dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte (München) in den Blick. Am 10. und 11. Oktober werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Singularität und Authentizität der in Erbach erhaltenen Einheit an Forschungsinstitutionen und die Öffentlichkeit in der Region, in Deutschland und Nachbarländern vermitteln.

„Wir nutzen den 200. Todestag des Grafen Franz I., als Auftakt für die zukünftige Ausrichtung des Schlosses. Anliegen und Ziel ist es, mit den Erkenntnissen der Tagung Schloss Erbach in seiner kulturhistorischen Vielfalt in der Region, in Deutschland und den Nachbarländern bekannter zu machen, und damit als internationalen Schatz im Odenwald neu zu positionieren.“

Dr. Katharina Bechler, Leiterin Fachgebiet Museen der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen

Jahresprogramm mit vielfältigen Angeboten für Jung und Alt

Neben der Tagung wartet Schloss Erbach für das Jahr 2023 mit zwei reichhaltigen Veranstaltungskalendern für Kinder und Erwachsene auf, die zum ersten Mal im Corporate Design der SG erschienen sind. Bei Themen- und Expertenführungen, Veranstaltungen und Workshops können Besucherinnen und Besucher auf Zeitreise gehen. Die Jubiläumsveranstaltungen, die im Kontext des 200. Todestag des Grafen und seiner Antikensammlung stehen, sind im Programm grafisch gekennzeichnet, die dazu ausgesuchten Exponate und Leihgaben sind in den Sälen und Räumen optisch hervorgehoben: Sie stehen entweder auf grünem Grund oder werden durch Beschriftung auf grünem Grund erläutert. Ein beliebter Höhepunkt des Veranstaltungsjahres, der Antiktag, findet 2023 eine Woche früher statt als gewohnt. Am 10. September dürfen Besucherinnen und Besucher im Rittersaal kostenlos ihre mitgebrachten Antiquitäten, Dachbodenfunde oder Erbstücke bei namhaften Experten schätzen lassen. Der Händlermarkt im Schlosshof lädt an diesem Tag mit edlen Raritäten zum Bummeln und Verweilen ein.