Zehn Jahre Freilichtlabor Lauresham – zehn Jahre Wissenschaft zum Anfassen

Das Experimentalarchäologische Freilichtlabor Lauresham steht seit nunmehr zehn Jahren für die Erforschung und Vermittlung frühmittelalterlicher Lebenswirklichkeit. Im Spätsommer 2014 wurde es als Teil der damals neugestalteten und stark erweiterten Anlage der UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch eröffnet. Ziel war es, mit Lauresham ein Gegenstück zur Vermittlung der klösterlichen Bau- und Geistesgeschichte zu schaffen, das Menschen jeden Alters und Bildungsstandes einen begreifbaren Eindruck des Lebens in der Region vor 1200 Jahren ermöglicht. Heute ist Lauresham etabliert als beliebtes Ausflugsziel bei Besucherinnen und Besuchern und fest verankert im internationalen Netzwerk experimentalarchäologischer Forschung.

Luftbild Lauresham SG Foto Loic Lagarde

Das Freilichtlabor Lauresham erstreckt sich auf 4,1 Hektar Fläche und bildet als 1:1-Modell einen karolingerzeitlichen Herrenhof des 9. Jahrhunderts ab. Foto: Loïc Lagarde

Jubiläumsprogramm startet im März

Lauresham begeht sein Jubiläumsjahr mit einem vielfältigen Programm. Dazu gehören für das breite Publikum drei Tage der Offenen Tür – der erste am 10. März -, an denen interessierte Besucherinnen und Besucher die Anlage erkunden und sich auf die Spur des Lebens und Arbeitens im 9. Jahrhundert begeben können. An die wissenschaftliche Öffentlichkeit und die Fachwelt richtet sich das international hochkarätig besetzte Symposium zu Zugtieren (World Draft Cattle Symposium) vom 8. bis 10. März. Über das Jahr verteilt geben drei Ausstellungen Einblicke in die Forschungsarbeit des Freilichtlabors und in dessen Geschichte: Die Schau “Yoke - Joug - Ayoko. Eine Kulturgeschichte des Jochs durch die Jahrtausende“ vom 10. März bis 28. April sowie die Fotoausstellungen „Experimentelle Archäologie erleben“ vom 5. Mai bis 31. August und „Meilensteine – Zehn Jahre Freilichtlabor Lauresham“ vom 15. September bis 15. Dezember.


Geschichte zum Erleben

Zur Errichtung von Lauresham führte die Idee, die Erlebbarkeit der Welterbestätte mit neuen Konzepten zu verbessern. Auf Grundlage aktueller Forschungserkenntnisse der Siedlungsarchäologie errichtete ein Team von erfahrenen Handwerkern unter wissenschaftlicher Begleitung ab 2012 ein Ensemble mit insgesamt 25 Gebäuden: Wohn-, Wirtschafts-, Stall- und Speicherbauten sowie einer Kapelle. Hinzu kamen mit Wiesen, Äckern und Gärten verschiedene landwirtschaftliche Nutzflächen und die Haltung von Nutztieren. Im Ergebnis ist die 4,1 Hektar große Anlage das begehbare 1:1-Modell eines karolingischen Herrenhofes (curtis dominica) aus der Zeit um 800 n. Chr. Diese idealtypische (Re-) Konstruktion eines großen frühmittelalterlichen Wirtschaftshofes erklärt das komplexe und für das Verständnis der frühmittelalterlichen Gesellschaftsstruktur wichtige Thema der Grundherrschaft. Ein vielfältiges museumspädagogisches Angebot für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Führungen und Workshops zu Themen wie alten Handwerkstechniken, Herstellung und Zubereitung von Nahrung, Freizeitbeschäftigungen und Spielen bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, um das Mittelalter aus neuen Perspektiven kennenzulernen und sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen.

Lauresham Vorfuehrung Kleidung SG M C Thumm

In Lauresham wird erlebbar, wie Menschen vor 1200 Jahren lebten und arbeiteten. Verschiedene Vorführungen zeigen Besuchenden aller Altersstufen etwa wie aus Flachs einen Leinengewand entsteht. Foto: M.C.Thumm

Forschung zum Anfassen

Leiter des Freilichtlabors ist seit seiner Entstehung der Archäologe Claus Kropp (M.A.). Mit einem Dutzend Mitarbeitenden und seinem Vermittlungsteam hat er in den vergangenen Jahren zahlreiche Projekte angestoßen und Lauresham damit zu einem international anerkannten Standort experimentalarchäologischer Forschung entwickelt. Das Freilichtlabor ist Mitglied bei EXARC, einem internationalen Netzwerk von archäologischen Freilichtmuseen und Experimentalarchäologen, der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH) sowie bei der International Association of Agricultural Museums (AIMA), einem Zusammenschluss landwirtschaftlicher Museen, deren Präsident Kropp seit 2021 ist. Mit diversen Partnern, zu denen die Technische Universität Darmstadt, die School of Archeology der University of Oxford und das Trinity College in Dublin gehören, verfolgt das Lauresham-Team wissenschaftliche Projekte, bei denen die dazugehörigen Experimente oftmals live von Besuchenden miterlebt werden können, wie zum Beispiel zum Raumklima in den Lehmhäusern oder die Arbeit mit Zugrindern zum Bestellen der Ackerflächen.

„Wir als Staatliche Schlösser und Gärten Hessen haben mit Lauresham einen ganz besonderen Ort in unserem Portfolio. Der direkte und auch haptische Zugang zur Alltagskultur des 9. Jahrhunderts ist viel mehr als die häufig zitierte Zeitreise, auf die man sich beim Besuch unserer Kulturschätze begibt, die oftmals herrschaftliche Orte sind. Neben seiner exzellenten Vermittlungsarbeit hat sich Lauresham mit zahlreichen Projekten großes Renommee in der internationalen Fachwelt erworben, wie die anstehende Fachtagung einmal mehr verdeutlicht. In den vergangenen zehn Jahren wurde hier Hervorragendes geleistet und dafür danke ich Claus Kropp und seinem Team sehr herzlich.“

Kirsten Worms, Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen
10 Jahre Lauresham Pressetermin SG Foto Susanne Kiraly

Sie freuen sich über eine zehnjährige Erfolgsgeschichte: Kirsten Worms, Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Dr. Hermann Schefers (r.), Leiter der UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch und Claus Kropp, Leiter des Freilichtlabors Lauresham. (Foto: SG, Susanne Király)

„Bei der Klostergeschichte geht es in großem Maße zumeist um Herrschaft, Bildung, und Baugeschichte. Es geht um das Kloster als europäisch vernetzte kirchliche, wissenschaftliche und politische Institution. Lauresham hingegen übersetzt die für uns heute oft abstrakten Begriffe, wie den der Grundherrschaft, in einen konkreten Ort und bringt unsere Gäste auf den Boden der Tatsachen des alltäglichen Lebens und Arbeitens der Menschen aller Gesellschaftsschichten hier in der Region an der Bergstraße.“

Dr. Hermann Schefers, Leiter der UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch
Lauresham Feldarbeit mit Pferd SG Foto M C Thumm

Den Forschenden über die Schulter blicken heißt es an den Tagen der offenen Tür. Zum Beispiel bei der Feldarbeit mit Pferden...

Foto: M.C.Thumm

Lauresham, Männer beim Schmieden

...beim Schmieden...

Foto: M.C.Thumm

Grubenhausprojekt Lauresham

...beim Bauen eines Grubenhauses...

Foto: M.C.Thumm

"Wissenschaft zum Anfassen" Lauresham Landwirtschaft

...oder beim Pflügen eines Ackers.

© SG

„Lauresham ist eine Spielwiese für die Forschung. Und die Besucherinnen und Besucher können uns bei unserer Arbeit über die Schulter schauen. Experimentelle Archäologie bedeutet, sich durch praxisorientierte, wissenschaftliche Experimente neu mit dem Mittelalter auseinanderzusetzen und sich auf diese Weise der Lebenswirklichkeit dieser doch weit entfernten Vergangenheit anzunähern. Das Erkenntnispotential ist sehr groß und unterscheidet zugleich von der klassischen historischen Forschung anhand schriftlicher Quellen.“

Claus Kropp M.A., Leiter des Freilichtlabors Lauresham

Bewusstsein für aktuelle gesellschaftliche Themen schärfen

Die vielschichtige Forschungs- und Vermittlungsarbeit im Freilichtlabor soll nach Aussage von Claus Kropp Menschen aber auch anregen, sich näher mit grundsätzlichen gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen, wie etwa der Nachhaltigkeit. Wenn in Workshops gezeigt werde, welch langer Weg zwischen Samenkorn und Nahrungsmittel liegt oder welche vielfältigen Arbeitsschritte nötig sind, um ein Kleidungsstück herzustellen, könne das dazu beitragen, handgemachte Produkte mehr wertzuschätzen. Kropp: „Die Kenntnis von der Lebenswirklichkeit unserer entfernten Vorfahren kann Impulse zur Bewältigung aktueller Herausforderungen geben. Damit stellt sich das Freilichtlabor Lauresham mit seiner Arbeit in Forschung und Vermittlung aktiv der gesellschaftlichen Verantwortung musealer Einrichtungen im 21. Jahrhundert.“