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Von Geschichtspropaganda und "Reichsfeinden" - Historiker benennt schwierige Kapitel des ersten deutschen Nationalstaates

Mit nachdrücklichen Worten hat der Historiker und Journalist Tillmann Bendikowski zu politischem Zwang, unterdrücktem Widerstand und militärischer Gewalt Stellung bezogen, die der Gründung des Kaiserreiches 1871 vorausgingen, und massive Probleme benannt, die es in er Folge belasten sollten.

Die damals lang ersehnte Einigung von 25 Einzelstaaten und Freien Städten sei weder die Geburtsstunde einer Nation gewesen, noch die Erfüllung eines historischen Erbes. Am Dienstag abend, den 8. Juni 2021, eröffnete Bendikowski in Rüdesheim am Rhein eine Vortragsreihe der Staatlichen Schlösser und Gärten (SG) zu verschiedenen Aspekten des ersten deutschen Nationalstaates, dessen Bildung 150 Jahre zurückliegt.

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Tillmann Bendikowski ist Gründer und Leiter der "Medienagentur Geschichte" in Hamburg, schreibt Bücher und Beiträge für Medien, betreut die wissenschaftliche Realisierung von Forschungsprojekten sowie von Ausstellungen.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Dagmar Köhler

Der Autor zahlreicher Geschichtsbücher stellte seine jüngste Veröffentlichung, „1870/71. Der Mythos von der deutschen Einheit“ im Besucherinformationszentrum Niederwald vor. In unmittelbarer Nähe steht das von der SG betreute Niederwalddenkmal, das Bendikowski in seine Ausführungen einbezog. Das Monument erinnert aus preußischer Perspektive an den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und die anschließende Nationsbildung.

Die zentrale Inschrift am Sockel des Standbildes der Germania behauptet unter anderem die „Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches“. Doch der Bezug des Kaiserreiches auf das 1806 untergegangene Heilige Römische Reich ist Bendikowski zufolge „die dreisteste der Lügen am Niederwalddenkmal“.

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Der Sockel der Germania trägt die historisch verzerrende Inschrift.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen

Preußische Geschichtspropaganda bediente sich nicht nur an dem Monument, sondern reichsweit der „PR-Formel“ von einer angeblichen Wiederherstellung, um das Kaiserreich zu legitimieren, vor der Kritik der Opposition in Schutz zu nehmen und den Deutschen ein einigendes Gedächtnis zu konstruieren.

Doch das 844 Jahre lang bestehende mittelalterliche Reich, in dem die Herrscher ein Wahlkönigtum praktizierten und Könige durch Salbung und Krönung des Papstes in Rom zu Kaisern gemacht wurden, sei mit der neu etablierten Erbmonarchie der Hohenzollern nicht zu verknüpfen. Trotzdem hielt man daran fest: Für seine Rede bei der konstituierenden Sitzung des Reichstages am 21. März 1871 habe sich Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) sogar den Thron von Heinrich III. (1016/17-1056) aus der Kaiserpfalz in Goslar herbeischaffen lassen.

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Direktorin Kirsten Worms mit Dr. Bendikowski an einem Modell des Niederwalddenkmals, das im Eingang des Besucherinformationszentrums und Restaurants "Am Niederwald" steht.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Dagmar Köhler

Bendikowski kritisierte, dass der damalige Kanzler des Norddeutschen Bundes, der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898), in der Nachfolge des Deutsch-Deutschen Krieges der Norddeutschen Länder gegen Österreich und seine Verbündeten im Jahr 1866 den Verlierern sogenannte Schutz- und Trutzbündnisse aufzwang. So sollten sie im Fall eines weiteren Krieges zum Waffengang verpflichtet werden.

Zu diesem Zeitpunkt, sagte Bendikowski, habe Bismarck die kleindeutsche Reichsgründung militärisch schon vollzogen. Als Drohung diente das Schicksal des Königreiches Hannover, das die Preußen auslöschten – eine Annektion, die auf „Verachtung und moralische Empörung“ gestoßen sei. Die territoriale Expansion der Preußen und die Steuerung des Deutsch-Französischen Kriegs, der eine erste „massive Gewalterfahrung für Soldaten“ war, bezeichnete Bendikowski als „große Verstöße an Zivilisiertheit“.

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Auch das Gemälde "Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871" von Anton von Werner ist Teil preußischer Geschichtspropaganda.

© Bismarck-Museum Friedrichsruh / bpk images, Foto: Hermann Buresch

Der Referent machte das Publikum an die nach seinen Maßstäben beschämende religiöse Überhöhung des Kriegsausganges („Gottes Wille“), an die für Frankreich demütigende „falsche Vorstellung“ der Kaiser-Proklamation im Spiegelsaal des Schlosses Versailles am 18. Januar 1871, an die zu „Reichsfeinden“ gestempelten Partikularisten im Kaiserreich, wie Sozialdemokraten, Katholiken, Welfen oder Polen aufmerksam, und dass das Kaiserreich als Nationalstaat nicht alternativlos gewesen wäre.

Besonders schwer wiege die damalige Erzählung von der angeblichen Unbesiegbarkeit der Deutschen, wenn sie zusammenstünden. Sie war ein Fanal und habe sich bis in das 20. Jahrhundert bei politischen Führern fortgesetzt. Die deutsche Einheit, die „aus irgendeinem Grund in der historischen Erinnerung einen guten Ruf hat“, habe jedoch keine Einigung zwischen 1871 und 1918 hervorgebracht. Sie sei eigentlich ein „Mythos“ gewesen.

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Die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen betreuen 48 Sehenswürdigkeiten im ganzen Bundesland, darunter drei kaiserzeitliche. Auch das 1883 eingeweihte Niederwalddenkmal (im Bild die Germania) zählt zu diesem Kulturerbe.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Michael Leukel