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Dr. Dorothea Redeker spricht über Vermittlungsmodell im UNESCO Welterbe Kloster Lorsch

Im UNESCO Welterbe Kloster Lorsch entstand mit einem innovativen Masterplan, unter Beteiligung der Stadt Lorsch und mit viel bürgerschaftlichem Engagement in den Jahren 2008 bis 2015 ein ganzheitliches Vermittlungsmodell, das heute wegweisend für andere deutsche Welterbestätten ist. Zum Abschluss einer kleinen Vortragsreihe im 30. Jahr der Verleihung des Welterbeprädikats an Kloster Lorsch und sein Mutterkloster Altenmünster blickte Dr. Dorothea Redeker, am Donnerstagabend, 18. November 2021, im Museumszentrum der Stadt auf große Entwicklungen dieser Zeit zurück. Die ehemalige Vorsitzende des Kuratoriums Weltkulturdenkmal Kloster Lorsch war intensiv an dem Prozess beteiligt.

Die Vereinten Nationen gaben Redeker zufolge lediglich abstrakte Leitlinien für ihre Welterbestätten vor, welche die besondere Bedeutung der Orte unterstreichen und deren Schutz- und Vermittlungsbedürftigkeit herausstellen. Für Kloster Lorsch sei Letzteres der anspruchsvollste Punkt: Da lediglich Reste der ehemaligen Klostergebäude erhalten sind, ließe sich Vermittlung schwierig gestalten. Redeker: „Aufgrund der wenigen visuellen Ankerpunkte braucht man viel Fantasie, um die Fragmente zu einem Ganzen zusammenzufügen und das Kloster zum Leben zu erwecken.“

Ein Investitionsprogramm für Welterbestätten des Bundesbauminsteriums von 2008 wurde deswegen in Lorsch als Chance begriffen, die vagen UNESCO-Leitlinien in konkrete Projekte umzusetzen. „Die sichtbaren baulichen Umgestaltungen und Restaurierungsmaßnahmen sind dabei ein visueller Ausdruck einer Gesamtidee für die Welterbestätte“, so Redeker. Der Klosterhügel wurde aufgeschüttet und mit sogenannten Footprints versehen, also Vertiefungen an den Stellen, an denen sich einst Gebäudeteile befanden. Sie mündeten in eine topografische Erzählung, indem sie die ursprünglichen Dimensionen des Klosterareals und seiner Gebäude nachempfinden lassen. Zugleich eröffneten sie freie Sichten über das Gelände und in das Umland.

Footsprints auf dem Klostergelaende in Lorsch

Die Gestaltung des Klostergeländes erfolgte mit sogenannten Footprints.

Foto: Michael Leukel

Dr. Dorothea Redeker mit Dr. Hermann Schefers, Leiter des UNESCO Weltererbes Kloster Lorsch

Die Referentin und der Chef der UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch, Dr. Hermann Schefers.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Elisabeth Weymann

Gestaltung des Klostergelaendes mit sogenannten Footprints

Blick auf das Fragment der Basilika, deren ursprüngliche Ausmaße durch die Footprints nachvollzogen werden können

Foto: Michael Leukel

Durch neue Wegachsen, die beginnend in Altenmünster historisch-chronologisch von den Gestaltern Topotek 1 angelegt wurden, erschließen sich die verlorenen und erhaltenen Bauelemente. So seien „lose Enden“ verknüpft und zu einem Gesamtarrangement zusammengefügt worden. Dabei bildeten die Torhalle aus karolingischer Zeit und das Kirchenfragment das Zentrum, während die baulich sanierte Zehntscheune seitdem als „Wissensspeicher“ für Baurelikte fungiert. Auch der Kräutergarten wurde wieder gestaltet, wobei Redeker das bürgerschaftliche Engagement der Lorscher:innen herausstellte.

„Anknüpfend an die Umgestaltungen des Geländes konnte auch das Führungsangebot individualisiert und vertieft werden“, so Redeker. Ein museumspädagogisches Angebot sei zwar bereits zuvor vorhanden gewesen, dieses war aber vor allem an Kinder gerichtet und lokal verankert. Mittlerweile richte man sich an alle Zielgruppen. Hinzu käme mit dem 2014 eröffneten Experimentalarchäologischen Freilichtlabor Lauresham ein Ort, der die Lebenswirklichkeit des frühen Mittelalters außerhalb der Klostermauern widerspiegele und die Vermittlungsinitiativen erweitere. Dort werde Wissen über das Leben im Mittelalter interaktiv vorgeführt und durch Forschung immer wieder erweitert.

Lorscher Kraeutergarten

Der Kräutergarten auf dem Klostergelände

Foto: Michael Leukel

Praesentation in Lauresham M C Thumm

Im Experimentalarchäologischen Freilichtlabor Lauresham wird das mittelalterliche Alltagsleben gezeigt.

Foto: M.C. Thumm

Redeker erinnerte auch an vorhergehende, kritisch geführte Diskussionen mit vielen Beteiligten, nicht zuletzt den Bürgerinnen und Bürgern von Lorsch, in deren Stadt die Baumaßnahmen massiv eingriffen. Sie verwies auf lehrreiche Baustellen-Führungen, bei denen bereits viel für künftige Vermittlungen gewonnen wurde: „Sie waren persönlich, kontextualisierend und lehrreich, aber nicht belehrend.“

Weitere wegweisende Projekte wie die Digitalisierung der circa 300 erhaltenen ehemaligen Handschriften der Klosterbibliothek in der „Bibliotheca Laureshamensis“ (mit der Universität Heidelberg) in den Jahren 2010 bis 2014 sowie zahlreiche nationale und internationale Kooperations- und Forschungsprojekte vervollständigen die baulichen Veränderungen und die zielgruppenübergreifenden Bildungsangebote. Sie erweiterten die Perspektive des Klosters, wie Redeker resümierte. So werde man dem Status als Welterbe gerecht und sei „Mutmacher“ für andere Welterbestätten. „Denn diese sind nicht nur Orte des Erinnerns, sondern Orte der Bildung, an denen Erkenntnisse wachsen.“