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Anton von Werners ikonische Darstellung der Kaiser-Proklamation von 1871 und die Risse hinter den Kulissen

Ein Gemälde des Künstlers Anton von Werner (1843-1915) gehört zum kollektiven Gedächtnis der Deutschen: die Darstellung der Kaiser-Proklamation am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles. Sie ist die einzige von insgesamt vier Versionen des bedeutenden Momentes, die erhalten blieb. Dass es sich bei der „Friedrichsruher Fassung“ um eine nachträgliche Konstruktion des Ereignisses handelt, präsentierte der Historiker Christoph Nonn am Mittwoch abend bei einer Vortragsreihe der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen bis ins Detail. Demnach entsprach die verbildlichte Eintracht unter den Teilnehmern nicht den realen Begebenheiten mitten im Deutsch-Französischen Krieg. Nonn: „Es gab Risse in der zur Schau gestellten Kulisse.“

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Anton von Werner, Die Proklamation des deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 (Friedrichsruher Fassung), Bismarck-Museum Friedrichsruh

© bpk images, Foto: Hermann Buresch

Einziges erhaltenes Bild benannt nach Bismarcks Herrensitz in Friedrichsruh

Die 167 mal 202 Zentimeter große und in Öl gemalte Friedrichsruher Fassung „war eigentlich eine aufgehübschte Vorstudie“, so der Professor für Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie entstand lange nach dem Augenblick, als der badische Großherzog vor den Fürsten, vor Militärs, Beamten sowie wenigen Zivilisten den preußischen, fast 74jährigen König Wilhelm (1797-1888) zum Kaiser ausrief. Wenige Tage vorher war der erste deutsche Nationalstaat gegründet worden. 1885 schenkte Wilhelm diese Version seinem Reichskanzler, Otto von Bismarck (1815-1898), zum Geburtstag.

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Die Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Kirsten Worms, mit Christoph Nonn in Schloss Bad Homburg.

© Staatliche Schlösser und Gärten Hessen, Foto: Elisabeth Weymann

In einer zentralen Botschaft unterschied sie sich von früheren Ausarbeitungen: „Das Motiv der Überwindung des Nord-Süd-Gegensatzes, das bis dahin eine Konstante war, verschwand“, erläuterte Nonn. Denn einige der süddeutschen Länder waren nicht davon überzeugt, in dem neuen Nationalstaat aufzugehen. Es habe „Bitterkeit“ entzündet. Der Konflikt brach in Versailles auf, nachdem Bismarck den Widerstand der um ihre Eigenständigkeit fürchtenden Staaten und Partikularismus auf dem Weg zur Einheit teils massiv unterdrückt hatte.

Langer, gewaltsamer Weg zur deutschen Einheit

Zuvor hatte Preußen den Deutschen Bund beseitigt, den der Wiener Kongress 1815 als staatsrechtliche Form für 35 souveräne Fürstentümer und Freie Städte etabliert hatte, zwei Krieg geführt, einen neuen Bund mit den Staaten nördlich der Main-Linie ins Leben gerufen und territorial expandiert. Der Deutsch-Französische Krieg mit dem Sieg bei Sedan 1870 bereitete dann die Möglichkeit, die Einigung herzustellen.

König Ludwig II. (1845-1886) von Bayern war auserkoren, im Namen der Fürsten Wilhelm die Krone anzutragen. Sein Bruder, Prinz Otto, bat ihn inständig, „das Schreckliche nicht zu tun“ und damit die Eigenständigkeit des Landes aufzugeben. Doch eben dies musste der Prinz in Versailles erleben und stürzte nach der für ihn schwer erträglichen Szene aus dem Schloss: „Erst draußen atmete ich auf.“

Die Proklamierung von Wilhelm zum deutschen Kaiser © Wikipedia gemeinfrei

Anton von Werner, Die Proklamation des deutschen Kaiserreiches (verlorene Zeughaus-Fassung, von 1882, historische Fotografie), mit dem symbolischen Handschlag

Um diesen Nord-Süd-Dissenz zu ‚übermalen“, hatte von Werner in einer nicht mehr existenten Wandbemalung im Berliner Zeughaus einen symbolischen Handschlag integriert. Links neben Bismarck, in vorderster Reihe, schüttelt ein preußischer General die Hand eines bayerischen Kollegen. In der Friedrichsruher Fassung wurde diese Szene allerdings wieder verdeckt, da der Maler just an dieser Stelle den preußischen Kriegsminister Albrecht von Roon (1803-1879) einfügte, der in Versailles überhaupt nicht zugegen war. Ein konservativer Perspektivwechsel ist in diesen beiden Werken mit stark reduziertem Bildpersonal auszumachen. Er betont die preußische Elite und rückt Bismarck als politischen Kopf des Kaiserreiches sogar in strahlend weißer (statt in blauer) Uniform in den Mittelpunkt.

Eine Version aus Volkes Sicht

Das erste monumentale Gemälde, enthüllt 1877 zum 80. Geburtstag des Kaisers und 1945 verbrannt, hatte noch einen anderen Akzent: Von Werner stellte den Spiegelsaal voller Menschen dar (aus tatsächlich über 1.000 Teilnehmern) und porträtierte über 100 Personen genau. Aber nicht die einzelnen Generäle, Offiziere, Fürsten, Bismarck oder der Kaiser ziehen die Blicke der Betrachtenden auf sich, sondern ein einfacher, isoliert gegebener Gardesoldat vor dem Podium. In den Vordergrund, in die Ecken des Gemäldes, rückte der Maler zudem nicht näher bekannte Soldaten als Vertreter von Mannschaften. Alles in allem gebe die Komposition, so Nonn, die Sicht des einfachen Volkes wieder, das von der Zeremonie ausgegrenzt war. Dies habe den Idealen der Nationalbewegung entsprochen, die sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts für einen Staat aller Deutschen einsetzte.

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Anton von Werner, Verkündigung Wilhelms zum deutschen Kaiser, 18. Januar 1871 (verbrannte Fassung des Berliner Schlosses von 1877, historische Fotografie)

© FALKENSTEINFOTO / Alamy Stock Foto

Mythische Aufladung der Versailler Zeremonie

Nonn, der zum 150. Jahrestag des als Staatenbund und Erbmonarchie gegründeten Reiches sein Buch „12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreiches 1870/71“ vorgelegt hatte, betonte abschließend die Schwierigkeiten hinter der Fassade inszenierter Einheit. Die Nationsbildung halte er für einen langen Prozess, der schon im späten 18. Jahrhundert begann. Nach 1871 sei der Weg von der äußeren Reichsbildung zu einer inneren problematisch und lang gewesen. Erst Jahrzehnte später fühlten sich die meisten Deutschen zusammengewachsen und das Reich war mit unitarischen Inhalten gefüllt. Anton von Werners Bearbeitungen demonstrierten vor diesem Hintergrund, wie die Zeremonie in Frankreich „mythisch aufgeladen“ wurde.